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Weihnachtsbrief 2019
Mittwoch, 18. Dezember 2019 17:22
Von: Dr. med. vet. Christiane Haupt

Liebe Mauerseglerfreundinnen und -freunde,



da ist uns doch tatsächlich ein nicht flügger junger Segler ins Haus geschneit – jetzt, im Dezember!
Welche Segler brüten denn noch so spät? Nun, im italienischen Savona tat es ein Fahlseglerpaar, und
dessen Sprössling ist nach langer Reise nun bei uns in Sicherheit.


118 Patienten befinden sich aktuell in unserer Klinik, die meisten mit Gefiederschäden, die wir nach
und nach beheben. Die Warteliste für weitere Segler, die extern auf einen Klinikplatz warten, ist lang.
Zusagen werden nach Kapazitäten und Dringlichkeit getätigt; als nächstes kommen 3 Alpen, 1 Fahl-
und 2 Mauersegler aus Barcelona, danach 4 Vögel aus Eisenach. So geht es immer weiter, und ab
und zu gibt es eben auch „U-Boot-Segler“: solche, die plötzlich auftauchen. Wie unser italienisches
Fahlseglerkind Pallas!


678 Segler haben wir bis jetzt im Jahr 2019 aufgenommen. Mit 47 vorjährigen Vögeln, die mausern
mussten, starteten wir im April in die neue Saison. Darunter auch Altsegler Malte aus Dresden, an den
Sie sich vielleicht aus dem letzten Weihnachtsbrief erinnern. Malte, der sich 2x das Gefieder mit
mörderischer Taubenabwehrpaste verklebte und 2x gefunden wurde. Am 5. Juni 2019 können wir ihn
nach seiner Mauser frei lassen, gerade rechtzeitig, um zuhause vielleicht noch zu brüten. Hoffentlich
hat er seinen Nistplatz unverschlossen und sicher vorgefunden. An- oder Einflüge an seinem Haus
konnten leider nicht beobachtet werden. Das Haus selbst wurde vor Maltes Start erneut auf illegale
Klebefallen überprüft und als unbedenklich eingestuft. Hoffen wir es.


Mit den Einlieferungen zahlloser Altsegler im Mai und Juni häufen sich dramatische Schicksale.
Mauersegler Mira hat ihr Nest hoch oben in einer Scheune und wird vom Hofkater, der auf ein
darunter geparktes Auto geklettert ist, aus der Luft gefangen. Ihre verzweifelten Schreie rufen Hilfe
herbei, Mira wird aus dem Maul des Katers gerettet. Völlig zerfleischt, mehr tot als lebendig trifft sie bei
uns ein, tagelang ringen wir um ihr Leben. Mira überlebt, doch es dauert Monate, bis ihre Wunden
verheilt und die vielen ausgerissenen Federn nachgewachsen sind. Am 3. August 2019 kehrt Mira
nach einem verlorenen Sommer zurück an den Himmel.


Mehrfach werden Mauerseglerpaare eingeliefert, die Opfer von Gebäudesanierungen geworden sind.
Sie sind mit Bauschaum verklebt wie Rhagnar und Lagherta aus Leonberg, mit Fassadenfarbe
verschmiert oder haben beim Anfliegen gegen verschlossene Niststätten schwere Verletzungen
erlitten. Der Vernichtungsfeldzug gegen Gebäudebrüter wird allerorten mit zum Teil unvorstellbarer
Rücksichtslosigkeit fortgesetzt. Wir bearbeiten ungezählte Artenschutzdelikte und schaffen uns damit
nicht nur Freunde, - wie ein anonymer Drohbrief beweist, dem eine illegale Klebefalle mit 2 toten
Mauerseglern beigefügt ist …  Soviel Grausamkeit macht sprachlos.- 2 -
Erst 8 Tage alt, noch nackt und blind ist unser erstes Mauerseglerbaby, Arkadi aus Pohlheim. Es wird
am 19. Juni 2019 gefunden. In den darauffolgenden Tagen füllen sich die Boxen in Lichtgeschwindigkeit
mit den Opfern von Hitze und Dacharbeiten.


Dieses Jahr sind die meisten eingelieferten Kinder erst 1-2 Wochen jung. Sie werden also bis zum
Ausfliegen im Alter von 6 Wochen wesentlich länger bei uns sein als die älteren Nestlinge der Vorjahre.
Während dieser langen Phase mit extrem hohen Patientenzahlen die Versorgung der Vögel zu
gewährleisten, stellt uns vor schier unlösbare Probleme. Erst Ende Juli fliegen die ersten Jungvögel aus.
Besonders tragisch ist die Geschichte einer Mauerseglerfamilie aus Mainz. Bei einem Hausabriss
entdeckt ein junger Dachdecker 2 Altsegler und 3 Babies, die sich verzweifelt an einem Brett
festklammern. Er bringt sie zu uns, obwohl der Bauherr ihm dies verboten hat! Da Mauerseglereltern
ihren Nachwuchs nur im Nest versorgen, werden die Babies nun von uns per Hand aufgezogen. Die
beiden Altvögel Catelyn und Eddard lassen wir noch am gleichen Abend wieder frei. Sie zögern keine
Sekunde und eilen heimwärts …  Das Wissen, dass sie nichts mehr vorfinden werden, kein Nest, kein
Haus und keine Kinder, kann einem schier das Herz brechen.
Die Arbeit in der Mauerseglerklinik steckt voller Emotionen: Respekt vor der Leistung dieser Vögel, vor
der Kraft und Zähigkeit, mit der sie sich wieder ins Leben kämpfen. Wut über Menschen, die Gesetze
wissentlich mit Füßen treten. Zorn, wenn wir Vögel bekommen, die wider besseres Wissen mit falschem
Futter gequält worden sind. Zärtlichkeit angesichts dieser zarten Geschöpfe, die uns anvertraut werden.
Glück, wenn sich ein Patient, um den wir lange gekämpft haben, geheilt wieder in die Lüfte schwingt.
Dankbarkeit, weil wir Vögel mit hoffnungsloser Prognose von ihrem Leid erlösen dürfen. Trauer, wenn
wir einen geliebten Schützling verlieren. Freude, wenn die Augen der Segler im Angesicht der Freiheit
funkeln, bevor sie abspringen. Und die Gewissheit, dass es richtig ist, sich für das Schicksal jedes
einzelnen Seglers einzusetzen, auch wenn wir nicht alle retten können.
Weihnachten und Silvester werden wir mit den wunderbarsten Vögeln der Welt verbringen. Zwischen
Füttern, Training, Putzen, Federarbeiten, medizinischer Versorgung und Schiftoperationen bleibt keine
Zeit für Muße und Besinnung. Bei uns wird nicht „Stille Nacht“ gesungen, vielmehr werden die
Alpensegler ohrenbetäubend trällern und die Mauersegler ihr „Srii-srii“ beisteuern, als wollten sie uns
auf die kommende Saison einstimmen.
Diese Saison wird es für uns aber nur geben, wenn alle diejenigen uns verbunden bleiben, denen wir an
dieser Stelle von Herzen für ihre Unterstützung danken möchten: unsere internen und externen
Mitarbeiter, unsere Mitglieder, die Sponsoren, Spender und Paten, unsere Lieferanten, Kuriere und
Pflegestellen, unsere Facebookfreunde, die mit uns zusammenarbeitenden Behörden und natürlich die
großartige Stiftung ProArtenvielfalt!
Wir wünschen Ihnen allen ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes neues Jahr 2020! Es wird uns vor
viele Herausforderungen stellen - engagieren wir uns gemeinsam!


Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Mauersegler e.V. und das Team der Mauerseglerklinik

Buchenstraße 9
D-65933 Frankfurt

Tel.:+49(69)35 35 15 04
Wir nehmen nur Segler an! Anfragen zu anderen Vogelarten werden nicht beantwortet!
Infos zu anderen Vogelarten: http://www.wildvogelhilfe.org/
 
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